Tag des Hutes

 

Berliner Morgenpost
von Katja Wallraffen
25.11.2016

Die Renaissance der Eleganz oder warum ein Hut gut tut
Berlin und die Eleganz, das ist eine zwiespältige Geschichte. Angeblich interessiert sie nur wenige. Hier gibt es keine großen Modehäuser mehr, kaum jemand verspürt Lust, sich chic zu machen. Man könne im Schlafanzug zum Bäcker gehen, es fiele niemandem auf, wird gelästert. Aber andererseits gibt es diese unendliche Freiheit, die großzügige Akzeptanz der unterschiedlichsten Lebensstile – wo, wenn nicht hier, kann man sich nach Lust und Laune stylen.

Wunsch nach der Renaissance des Hutes

Das gilt natürlich auch für den Kopf – nicht nur in punkto Frisuren. Aber warum sieht man so wenige Hüte? Sind Mützen die neuen Hüte? Susanne Gäbel, Modistin, die an der Bleibtreustraße 40 in Charlottenburg Damen- und Herrenhüte verkauft, seufzt: „Oh je. Mützen sind nicht die neuen Hüte, sie werden ihnen hoffentlich niemals den Rang ablaufen. Mützen sind so uniform. Wer einen Hut trägt, strahlt etwas aus. Man hebt sich ab, man fällt auf.“ Sie habe den schönsten Beruf der Welt, sagt die 48-Jährige – dass es in ihrem Metier stark Auf und Ab geht, hält sie seit mittlerweile 18 Jahren aus. Zum Glück halten Stammkunden ihr die Treue: Menschen, für die eine individuelle Kopfbedeckung die Garderobe vervollständigt. Deshalb mag Susanne Gäbel auch nicht jammern, gibt allerdings gerne zu, dass sie den Hüten eine Renaissance wünscht.

Laden mit Werkstatt und Wohnung

Da ist Petra Benz optimistisch. Sie hat gerade ihre neue Werkstatt an der Nassauischen Straße auf Höhe der Güntzelstraße in Wilmersdorf bezogen. Zur Straße hin liegt ein kleiner Laden inklusive Werkstatt, die hinteren Räume bewohnt sie. „Für mich ist ein Traum wahr geworden, Leben und Arbeiten an einem Ort“, strahlt sie. Sie hält es für realistisch, dass das Handwerk bald wieder mehr geschätzt wird. „Die Leute werden sich in dieser schnelllebigen Zeit, die viele Menschen anstrengt und nicht glücklich macht, wieder auf schöne Dinge besinnen. Langlebige Artikel, an denen man über Jahre Freude hat. Dazu zählen geschmackvolle Kopfbedeckungen“, sagt sie zuversichtlich.

Ein Hut schützt und gibt Geborgenheit

Sie erinnert daran, was ein Hut alles leistet: Er schützt vor Sonne und vor Kälte. Er gibt ein Gefühl der Geborgenheit. Er steht für Eleganz und festliche Anlässe und bewährt sich auch in traurigen Momenten, denn ein Trauerhut beschützt vor Blicken. Der Hut ist ein Kommunikationsmittel, er wird respektvoll vor jemandem gezogen oder zum lässigen Gruß an die Krempe getippt. Susanne Gäbel wünscht sich ganz pragmatisch einen kalten Winter, denn dann steigt die Nachfrage. „Unserer Branche kommt zum Glück auch zugute, dass viele junge Leute ihre Hochzeit wieder aufwändig zelebrieren“, erzählt sie. „Da gehört für viele ein Hut dazu. Schön wäre natürlich, wenn die Leute Hüte immer tragen würden, nicht nur ein oder zweimal im Jahr.“

Petra Benz

Hüte können behüten oder einfach nur das Styling vollenden. So wie diese Exemplare aus dem Geschäft von Petra Benz. Foto: Katja Wallrafen

Die Reintegration von Hüten in die Mitte der Gesellschaft schwebt auch Petra Benz vor. Früher hätten alle Schichten Hut getragen, sagt sie. Noch in den 50er-Jahren habe kaum jemand das Haus ohne Hut verlassen, heute trage alle Welt Mützen. „Verstehe ich nicht“, sagt die Hutmacherin. „Frauen haben schöne Frisuren, chice Stiefel, tolle Mäntel, passende Jacken – warum endet das Styling am Kopf?“ Das Argument, ein Hut sei steif, sperrig und unbequem, lässt sie nicht gelten: „Es gibt Kappen, die sind leicht, die engen das Gesichtsfeld nicht ein, eignen sich prima für den Alltag, zum Beispiel beim Radfahren.“

Bequem und alltagstauglich

Alltagstauglichkeit auch ein Stichwort für Susanne Gäbel, auch sie hat beobachtet, dass die Kunden praktische Kopfbedeckungen mögen. Der „Trilby“, ein kleinkrempiger, sportlicher Hut, den Frauen sehr gut zum Hosenanzug tragen können, ist bei ihr im Geschäft gut nachgefragt. Oder Hüte und Kappen im Look der 20er-Jahre. Diese Nostalgie spielt auch in der Werkstatt von Petra Benz eine große Rolle, denn sie selbst ist ebenfalls begeistert von der Mode und dem Lebensgefühl der 20er-Jahre. Dabei schaut sie nicht etwa verklärt zurück: „Auch damals waren die Zeiten rau. Es gab große gesellschaftliche Umwälzungen, wacklige Lebensentwürfe und schließlich kam ja auch die Weltwirtschaftskrise. Doch wenn wir von den goldenen 20er-Jahren sprechen, meinen wir damit auch das Lebensgefühl der Großstädter, die selbstbewusste Aufbruchsstimmung, vor allem auch unter den Frauen.“

 

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